6 Dez

Ich war dieses Wochenende wieder mit der Bahn unterwegs. Der folgende Text entstand heute ab 15 Uhr zwischen Köln und Lippstadt:
Ich und zwei andere, mir unbekannte Personen, sitzen in einem Vierer-Sitz in einem Zug.
“….er meinte ich sehe aus wie eine Polin…” sagt die Frau vor mir in ihr Handy und lacht. Wer auch immer das gesagt hat… hatte nicht Unrecht. Die Frau entspricht auch dem allgemeingültigen Klischee, das man von einer jungen Person mit osteuropäischen Hintergrund erwarten würde, die sich aufgetakelt hat. Nicht unhübsch allerdings, nur hat sie bereits jetzt mein persönliches “Boah-Ey-Ne-Weiste?”-Limit überschritten. Was heißt überschritten? Gesprengt und in alle vier Winde verteilt eher. Und dabei höre ich nur einen Teil der Unterhaltung .
Der Zug in dem ich sitze ist voll, voll von Handys. Ich glaube mehr als 50% der Gespräche hier laufen über Handys und nicht von Person zu Person. Jede Menge halbe Gespräche, die ein gelangweilter Hobbyschreiber mitschreiben könnte.
“Mama, ich fahr nie wieder über Köln. – Boah ey nee, das ist ‘ne Sonderfahrt über Köln ich mach so’was nicht mehr. – Ey ne frag misch Nit. – Mhh, nein…”
Ich höre wieder von ihr weg, um nicht noch mehr Konversation der jungen Nicht-Polin im Kurzzeitgedächtnis unfreiwillig speichern zu müssen. Doch der Zufall kommt mir gelegen; Das allgemeine Raunen wird lauter, nachdem an der letzten Station einige Schüler eingestiegen sind und zudem fängt der türkisch-stämmige junge Mann, mir direkt gegenüber, nun mit einem eigenen Telefonat an dazwischen zu reden, dass ich ihr nicht mehr zuhören könnte selbst wenn ich wollte. Vorher wollte ich nicht wirklich zuhören, hatte aber aufgrund der Lautstärke der jungen Dame keine große Wahl.
So wie es aussieht haben die meisten Leute hier keine Ahnung, ob sie wirklich im richtigen Zug sind, inklusive mir. Der Zug ist eher eine Regionalbahn, kein überregionaler Zug mit zwei Etagen, der laut meiner Erfahrung die Strecke fahren müsste…. “Sonderzug” stand dran, auch wenn er unerwartet pünktlich war. Außerdem war dieser der einzige Zug auf dem Gleis und die Lautsprecheransagen waren eindeutig – trotzdem könnte sich die Bahn mal irgendwie um besser erkennbare Schilder auf den Bahnen selbst kümmern. Es vergeht ohnehin keine Bahnfahrt wo ich nicht mal eine Person fragen höre, ob sie den hier richtig sei und der Zug auch über XY fahren würde. Bei all den Automaten und dem Geld das die in Stuttgart 21 sie verpulvern, wären doch einige Flatscreens im Eingangsbereich, die alle kommenden Haltestellen zeigen, doch nicht zu viel verlangt, oder?
Auch die junge Frau rätselt, ob dass denn nun ihr Zug ist, wo sie aussteigen muss und sie weiß nicht mal wo sie gerade geographisch ist. Kann ich jetzt innerlich einen schnippischen, zynischen Kommentar machen, wie: “Wenn sie ein Smartphone mit GPS hätte, könnte sie ja nachprüfen wohin sie fährt aber sie hat ja nur ein Blackberry 8800…”
“Sonderfahrt steht hier” sagt sie zu ihrer Mutter per Telefon. Sie schaut mich an, ich schau sie an. Sie lächelt mich an, ich lächele zurück. Verflucht sympathisches Lachen, lässt absolut vergessen das sie ein “wenig” zu viel Schminke und falsche Wimpern für meinen Geschmack aufgetragen hat – bin fast geneigt die etwas bösen Absätze aus diesem Text herauszustreichen.
Wir beide schauen gleichzeitig zur Anzeige, auf der “Sonderfahrt” steht und wieder zurück. “Also die Ansage war richtig und das war der einzige Zug auf dem Gleis” sage ich auch ein klein wenig so, als müsse ich mich selbst davon überzeugen im richtigen Zug zu sitzen – bin mir aber immerhin zu 80% sicher. Die restlichen 20% habe ich mit der Überzeugung gefüllt, dass 80% reichen. Sollte ich doch im falschen Zug sitzen muss ich erst irgendwo umsteigen und komme dann so spät, dass keine Busse mehr fahren, die ich für das letzte Stück benutzen muss … und ich nicht wirklich Lust habe meine Familie oder Freunde damit zu nerven mich abzuholen- Laufen ist nicht.
Als der Zug erneut anfährt gibt der Ascher rechts hinter meiner großen Reisetasche ein knarrendes und nervendes Vibrationsgeräusch ab, ich stubse ihn mit einem Finger an, dass er Ruhe gibt – sie schaut mich etwas fragend an, hat längst aufgehört zu telefonieren und hört zu laute Mainstream-Musik, lächelt dann aber wieder. Ich lächele zurück.
Ich komm mir ja schon etwas schmutzig vor, die Frau sitzt etwa 30-40 cm von mir weg und hat keine Ahnung, dass …. sie saß, wir sind gerade in Solingen angekommen, sie steigt aus. Ich schaue nochmals aus dem Fenster um das ein zweites Mal zu bestätigen, dass es Solingen ist… aber das leuchtende Schild sagt mir, dass wir offensichtlich in “McDonalds” angekommen sind. Aber Solingen klingt richtig, was die Richtung betrifft.
…und jetzt hab ich Hunger auf Chicken McNuggets Süß-Sauer… dabei esse ich doch selten bei McDoof und wenn dann überhaupt einen Cheeseburger und einen Chickenburger. Ich muss unbedingt nochmals ins Yangtze in Dortmund beim Bahnhof – das letzte Mal war es ein guter Tod durch überfressen.
Jetzt sitzt der Türke auf ihrem Platz.
Okay… ich will gerade die Umgebung nach etwas Schreibenswerten scannen, da schaut mich direkt so ein Kerl an. So ein Kerl die ca. in 50% aller Züge zu finden sind und die den zufälligen Blick so erwidern als wollen sie einem sagen: “Ich sehe dich! Muhahahahahaha!” oder “Ich klau’ gleich den Laptop.” Gute Güte, ich bin aber auch wildfremden Menschen gegenüber misanthropisch drauf… was gerade bestätigt wird, denn der Türke der nun auf ihrem Platz sitzt, redet nun ausgiebig und lautstark in einem Türkisch-Deutsch Gemisch darüber wie seine “Beziehungen” mit anderen Menschen in der letzten Zeit so gelaufen sind – allerdings bricht er das Gespräch ab, da die Verbindung zu schlecht wird.. Tsk ….das Leute am Telefon, mitten in einer öffentlichen Bahn solche Sachen ausquatschen, man stelle sich nur vor ein ambitionierter Blogger würde direkt daneben sitzen und jedes Wort das er hört ins Internet stellen.
Sagen wir “über-ambitioniert”, ich verrate ja keine Details…
17:00 – Mhh, wenn ich den Zeitplan in meinem Kopf glauben soll, sollte ich besser vor 18:08 am Gleis 8 in Hamm sein, sonst stehe ich da in der Kälte und kann mir schon wieder ein Käsebrötchen und einen Kaffee kaufen.
17:13 – Habe den oben stehenden Text korrigiert, bin mittlerweile an Wuppertal und Wuppertal Oberarmen vorbei, keine Ahnung wo wir jetzt gerade halten. Aber die Richtung ist weiterhin richtig. Mhh… wenn ich ein offenes WLAN finde könnte ich den Text direkt bloggen. In Köln Messe Deutz war eines.
Meine größte Sorge ist wirklich zu spät zu kommen 18:08 in Hamm, würde schätzen dass ich kurz vorher mein Laptop in die Reisetasche werfen sollte und mich bereit zu machen zu rennen. Ich wäre ja schon gestern gefahren, aber Sonntags sind die Verbindungen (vor allem die Busse) so grottig, dass man erst gar nicht los fahren braucht, wenn man merkt, dass man es bis zu einem speziellen Zeitpunkt nicht mehr nach Lippstadt schafft und da gestern die Verspätungen noch schlimmer wahren als heute…
Der Türke ist weg, ich denke ich werde ein weiter Folge Kingdom Hospital schauen. Hoffen wir mal, dass der Laptopakku dann auch noch die Dauer der Folge durchhält. Mein MP3 Player ist auch leer und hier ist es zu laut um an einer Geschichte weiter zu schreiben.
Ich schaue auf, der Bahnhof kommt mir bekannt vor, nein … ist nur Hagen sag ein Mann den ich mir gut als Physikprofessor vorstellen könnte, hätte mich auch gewundert, wäre viel zu früh, aber besser auf Nummer sicher. In der Serie stirbt gerade jemand in einem Krankenwagen. Ich glaube ich werde die Folge nachher nochmals mit etwas weniger Umgebungskrach sehen. Da kommt Hamm, ich muss den Kram einpacken.
Der Hammer Bahnhof ist deutlich epischer, wenn man von einem Zug zum anderen geht, und dabei A Change of Seasons von Dream Theater hört.
Sitze auf nun dem einzelnen Vierer-Platz nahe der Wagonverbindung, alleine. Dieses hier ist nun ein Zug mit zwei ‘Stockwerken’ sollte er nicht sein, vermutlich sind hier jede Menge Plätze frei, aber ich hab den ersten genommen. Interessanterweise ist es dieses eine Mal richtig von Vorteil, dass das MacBook auf lange Zeit hin recht viel Wärme absondert, das Ding ist ein ziemlich guter Oberschenkelwärmer. …mhh Mist, hier ist wirklich keiner über den ich ranten könnte. Was mach ich denn da, sind aber nur noch 20 Minuten bis Lippstadt. Ach ich mach hier zu und schau noch ne Folge.
…halt doch eine Sache, ich wurde die letzten Fahrten gar nicht kontrolliert, so was… scheint so als würden die Kontrolleure im Winter in den Süden ziehen.
Schlagworte: Bahn
13 Kommentare for "Bahnsinn – Bahngedanken"
Sehr nette Alltagsgeschichte :>
Erinnert mich iwi an die Fahrt am Sonntag von Herford nach Paderborn, der Zug war auch mehr als voll und neben mir stand dann auch noch son (junges) Pärchen, dass sich nicht daran störte mich in ihre Fummelorgie mit einzubeziehen, wenn nötig -.-
wie einem das bekannt vorkommt wenn man so gut wie jeden Tag von Hamm nach Duisburg zur Uni fährt….
Aber da mit dem Laptop ist echt genial nach 15min Fahrrad zum Bahnhof ist das auch ne gute Methode um die Finger auf zu wärmen.
Und Zach das mit den Kontrolleuren ist nicht nur im Winter so in 2 Wochen werde ich evtl 5mal kontrolliert.
Du sollst nicht mit Fremden liebäugeln!
Mondi wird dich sonst das nächste mal wegfangen. Jahaaa. Wuppertal und Solingen, Stationen deiner Durchreise… sind nur ein Katzensprung von mia entfernt.
Schöne Geschichte. Sehr unterhaltsam.
miaumiau
Miri
kleines Edit…
*hält Zach ein Föhrgavbild vor die Nase wo er auffällig geschminkt ist und rosa Wimpern trägt*
Das sollte Warnung genug sein.
miaumiau
Miri
DISCLAIMER:
Ich war bisher in meinem Leben nur einmal auffällig geschminkt und ich hatte dabei erstens keine rosa Wimpern getragen, zweitens hat Mondhauch davon (wahrscheinlich?) kein Bild und drittens hatte ich eine verdammt gute Erklärung.
*schleicht sich leis von hinten an Yrgav heran*
*legt ihr Köpfchen mit dem Kinn auf seine Schulter und schnurrt ihm ins rechte Öhrchen während sie auf eine Erklärung wartet*
Schnurrkatze
Miri
(Mond hat für solche Commis eine gute Erklärung… Mond sitzt seit 2 Stunden in einer stocklangweiligen Besprechung und muss sich ablenken damit sie nicht dabei einschläft)
Mondhauch, ich hoffe, du redest in der normalen welt anders =D
ich hoffe nicht, wäre so viel interessanter !
kann ich aufgrund der Aussage von Yrgav noch meine Frage für “Readers’ Choice” noch mal ändern oder sagt uns Yrgav so was seine gute Erklärung ist auffällig geschminkt gewesen zu sein?
Jaden, ich habe mir mal erlaubt, meine Frage dafür zu verwenden ;)
@Georg
Mondi kann bei Bedarf sofern es wichtige Partner oder Kunden bei der Arbeit erfordern in den “Normalmodus” gestellt werden. Ihr Verhalten ist dann so unterschiedlich wie Tag und Nacht.
Dieser Modus belastet ihre Laufzeit geringfügig mehr. Sie besitzt jedoch ausreichend Kapazitäten um die Erfüllung der ihr aufgetragenen Arbeiten zu gewährleisten.
Von längerer Benutzung des “Normalmodus” wird jedoch beim Modell “Mondi” abgeraten da dies zu unerwünschten Reaktionen und Verhalten führen kann.
Zu Nachfragen über ein verbessertes, pflegeleichteres Modell wollte der Hersteller keine Aussage treffen.
@Phia
Danke.
*krabelt an Phia hoch und macht es sich auf ihr als fellige schnurrende Nackenrolle bequem*
miaumiau
Miri
“Die restlichen 20% habe ich mit der Überzeugung gefüllt, dass 80% reichen.”
Gold! ^^
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