1 Jul

Na, da musste Mama Merkel aber ordentlich schimpfen, dass es zumindest beim dritten Wahldurchgang für eine absolute Mehrheit reicht – nicht das Wulff sie dann noch gebraucht hätte. Das ist fast so wie eine Nachprüfung in der Schule, alles was man machen kann ist die Note gerade noch auf eine Vier hoch zu drücken. Man hat es zwar geschafft, aber dennoch ist da ein deutliches Versagen in der Vergangenheit, dass einem für’s nächste Jahr anhaftet.
Ich habe das Ganze halb mit einem Auge und halb im Gespräch mit Lars verfolgt und muss sagen, dass er (vermutlich) recht ähnliche Gedanken zu der Ganzen Sache hatte.
Dennoch es bleibt ein weiterer Schlag ins Gesicht der Schwarz-Gelben Koalition: Zwei Mal haben sie eine absolute Mehrheit nicht bekommen, die sie leicht hätten erreichen können. Die Einigkeit, die in der deutschen Politik angeblich so viel Wert ist, scheint es jedenfalls nur im geringen Maße bei der Regierungskoalition zu geben. Allerdings ist gerade das ein Punkt gewesen, der bei dieser Wahl angekreidet wurde. Eben bei dieser Wahl sind deren Mitglieder ausdrücklich nicht an die Weisungen und Aufträge der Partien gebunden, dennoch hat Mama Angie versucht ihre Leute darauf einzuschwören.
Das hinterlässt natürlich einen unangenehmen Nachgeschmack, wenn man sich fragt ob Wulff im Interesse aller Deutschen gewählt wurde. Natürlich lief das die Jahre vorher auch nicht anders, aber in diesem Fall hatten wir zum ersten mal so etwas wie eine ‘Alternative’.
Es bleibt eine Kanzlerin, die bei etwas mehr oder minder scheitert, was eigentlich nicht schön ist aber eigentlich kein Problem hätte darstellen müssen. Dazu kommt ein Westerwelle, welcher sich kurz vor dem dritten Wahldurchgang (wieder mal) in Schlaubi-Schlumpf Manier vor die Mikrofone begibt und großspurig behauptet: “Wir waren’s jedenfalls nicht!” – Nicht, dass er dieses überhaupt wissen kann, denn die Wahl ist geheim und nach dem Gehampel der NRW-FDP dürfte es nicht mehr viele Menschen geben, die der aktuellen FDP irgendeine Form von Stetigkeit und/oder Einigkeit zutrauen.
Andere Stimmen:
Die Berichterstattung auf Phoenix, welche ich verfolgte, war relativ angenehm und auch über Zattoo zu verfolgen, zumindest wenn man nicht oft genug hinhörte, um die wiederholenden Zusammenfassungen mehrmals mit zu bekommen. Das was die Medien- und Politikexperten von sich gaben war weitestgehend das, was wir schon an Meinung kennen. Gaucks Popularität im Internet wurde ein bis zwei Mal hervorgehoben und man wunderte sich warum trotz dieses Zuspruches so wenige Leute für ihn auf der Straße waren.
Diese Verwunderung und die Tatsache, dass immer noch fast ausschließlich Facebook und Twitter als die Spiegel für die “Internetmeinung” hergenommen werden, zeigt dass die Medienleute immer noch nicht vollständig das Internet verstanden haben, oder einfach faul sind: Es ist dem Bürger nicht egal ist wer gewählt wird, nur weil er nicht gleich durch die Republik nach Berlin fährt, um mit einem Gauck-Sticker um den Reichstag zu kreisen. Die Interviews mit den Politkern waren allerdings aufschlussreicher.
Am meisten sind mir hierbei Andreas Pinkwart und ein Parteimitglied der Linken, dessen Namen ich mir nicht gemerkt habe, im Gedächtnis geblieben – zumindest was das Abgeben des größten Dünnpfiffs angeht.
Der Linke hat die Aufstellung ihrer Kandidatin vielleicht mit den richtigen Worten, aber mit genau den falschen Zwischenzeilen herüber gebracht. Hätte die Linke in Punkto Gauck in den letzten Wochen einfach die Fresse gehalten und ihn mit den Worten: “Respektablen Kandidaten, aber wir wollen jemand eigenen aufstellen.” kommentiert, wäre das alles für die Linke kein Problem gewesen.
Doch wenn man die Presse und die Statements der Fraktion bedenkt, die vor der Wahl gefallen sind, hat die Linke sich auch selbst mit in diese Ecke manövrieren lassen: “Wählt Gauck und zeigt, dass ihr nicht mehr die SED seid, wählt Gauck nicht und ihr seit die bösen Sozialisten.” Ist vielleicht den Linken nicht 100%tig fair gegenüber, aber in diesem Fall sind sie ordentlich mit selbst schuld. Da hat es auch nicht mehr geholfen, dass Gregor Gysi klipp und klar vor der Presse sagte, dass er zwar glaube, dass die meisten Linken sich im dritten Druchgang enthalten würden, aber die Wahl den Fraktionsmitgliedern natürlich freigestellt sei.
Pinkwart hingegen – und ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich das nicht doch falsch verstanden habe, weil die Logik dieser Aussage so hirnverbrannt war – meinte, nachdem die Kandidatin der Linken sich nach dem zweiten Wahldurchgang zurückzog, etwas wie: “Wenn die Linke jetzt (zum dritten Wahldurchgang) den Kandidaten der SPD wählt beweist das, dass die Rot-Grüne Koalition die Linke in politische Einscheidungsabläufe einbezieht.”
…als dieser Satz so in meinem Hirn ankam, beging eine der Hirnwindungen, welche bei mir für Aussagenlogik verantwortlich sind, Harakiri. Sollte dieser Satz stellvertretend für das Politik- und Demokratieverständnis von Andreas Pinkwart sein, erklärt das erschreckend viel.
Aber um zum Titel zurück zukommen, niemand will Wulff (zumindest erscheint es so in der Presse), die Sockenpuppe Merkels. Sicherlich war die Nominierung Gaucks auch ein oppositioneller Schachzug und vermutlich hätte bei einer Rot-Grünen Mehrheit jemand anderes den Kandidaten gegeben. Doch das ändert nichts an der Tatsache, dass selbst noch auf seiner abschließenden Rede Gauck, Wulff noch rhetorisch in den Schatten gestellt und in die Tasche gesteckt hat… auch wenn er so unglaublich enttäuscht nach der Bekanntgabe des letzten Ergebnisses wirkte, dass es mit fast das Herz zerrissen hat.
Wulff fühlt sich nicht an wie ein Vertreter für alle Deutschen, sondern eher wie ein Vertreter der christlich-konservativen. Gauck hatte dieses ‘Er steht für mehr als nur eine Partei’-Gefühl schon von Anfang mit im Paket und das bereits bevor Spiegel und der Rest der Presse ihn zum Überparteilichen-Superkandidaten gemacht haben. Über Wulff hingegen findet man selbst nach der Wahl kaum einen Artikel, der nicht mindestens seine Wahl mit der schweren Zeit für Merkel in Verbindung bringt.
Um so beunruhigender wirkt ein Bericht auf Heise/Telepolis der Dinge über Gauck Wulff (my bad, danke Kai, benutzt das nächste mal aber bitte eine echte Email) ans Tageslicht fördert, die mir als bekennenden (aber nicht missionierenden) Agnostiker ernsthaft an die Nieren gehen. Unter anderem wird hier von einer Verbindung zu dem evangelikalen “Arbeitskreis Christlicher Publizisten” gesprochen und ich würde deutlich untertreiben, wenn ich sagte, dass dieser Verein “erzkonservative Ansichten” verfolgt.
Zum Heise-Bericht (vielen Dank an Bloodshade für diesen Link)
Kommentar beim Spiegel über die Schönfärberei von Schwarz-Gelb
Weitere Meinungen und Links:
Rotlackierte Opportunisten – Spreeblick
Stolpersteinwahl im Sommerloch – Spiegelfechter
Der Einfluss des Netzes auf die Bundespräsidentenwahl – Netzpolitik
Am Volk vorbei – … Kaffee bei mir?
Denkzettelbundesprasidentenwahl – Lummaland
Schlagworte: Bundespräsident, Gauck, Merkel, Politik, Schwarz-Gelb, Wulff
10 Kommentare for "ZachDenktNach: Niemand will Wulff"
Tja, und jetzt steht der tigerentenclub da, und betrachtet mit heruntergezogenen mundwinkeln den scherbenhaufen, der eigentlich einmal DIE koalition der buergerlichen stabilitaet war. Jedenfalls wurde schwarz-gelb immer als solche bezeichnet, und war es zu kohls zeiten vermutlich auch noch.
Die wahre frage, die sich jetzt stellt, ist doch: Wie geht es weiter?
Und wenn ich diese frage beantworten soll, dann wuerde ich sagen das wir in spaetestens einem jahr neuwahlen bekommen, und dann eine rot-gruene koalition in den bundestag gewaehlt wird. Was mir persoenlich natuerlich mehr als recht ist. Allerdings bringt das ganze auch die gefahr mit sich, das R-G sich nicht ausreichend vorbereitet haben wird und dann an den problemen, die S-G hinterlassen werden, scheitert – was von den entsprechenden boesen zungen dann natuerlich als deren versagen dargestellt werden wird.
Alles in allem scheint die aera der politischen kontinuitaet à la Kohl in deutschland geschichte zu sein. Und ich weigere mich das als schlecht zu betrachten. :)
Nein, ich habe nichts dagegen, daß Du Dich selbst verlinkst; Vernetzun ist WICHTIG.
Es sollte dir aber zumindest so viel wert sein, daß Du Dich informierst, von wo aus Du das machst. Dazu gehört, daß ich nicht “der einzig” bin. Eine Verlinkung ist eine Werbemaßnahme, wenn Du so willst, also solltest Du vielleicht den Text, in dem sie vorkommt, nicht einfach nur um des Links willen so hinschludern.
Wenn Du andere Leute verbesserst, solltest Du Deine Verbesserungsposts besser nicht so “dahin schludern”. Aber ich gebe Dir Recht, “Vernetzun” ist voll wichtig…
Das kommt davon, wenn man im Editor schreibt …
Ok, damit sind wir quitt :)
@Wahlverhalten der LINKEN
Ich fand die Kommentare von Seiten der SPD sowie der Grünen extrem krass und unpassend.
Jedem, der sich mit Gauck genauer beschäftigt hat, sollte klar sein warum die Linken Gauck nicht gewählt haben. Nicht – oder nicht nur – weil Gauck die “Stasi-Verbrechen” (oder wie man es nun nennen mag) zum teil mit aufgedeckt hat oder halt unter seiner Schirmherrschaft … sondern weil er nun mal ein Neocon (http://de.wikipedia.org/wiki/Neokonservatismus) ist.
Aus Sicht der Linken wär nun mal jede Stimme für Gauck ein “Verrat” an Ihrer Ideologie und desweiteren auch an ihrer Wählerschaft. Die Linken jetzt schon wieder als SED hinzustellen find ich unpassend und komplett unseriös.
Trotzdem waren es neun sehr unterhaltsame Stunden und, auch wenn es wohl niemand aus der ARD/ZDF Redaktion lesen wird, Danke !! das Frank Rennicke in der kompletten Berichtserstattung fast keine Beachtung fand.
just my 2 cent.
Wenn die Linken aber wirklich der Meinung sind Wulff und Gauck sind exakt gleichschlimm, dann macht es null komma gar keinen Sinn Jochimsen im 3. Wahlgang zurückzuziehen.
Jo, für den Schachzug fehlt mir bis jetzt auch jegliche Erklärung. Falls das jemand erklären kann oder zumindest eine schlüssige These hat solle er mich bitte aufklären.
Des Weiteren fällt mir gerade auf das ich mir selbst widerspreche.
“Nicht – oder nicht nur – weil Gauck die ‘Stasi-Verbrechen’ (oder wie man es nun nennen mag) zum teil mit aufgedeckt hat oder halt unter seiner Schirmherrschaft …”
“Die Linken jetzt schon wieder als SED hinzustellen find ich unpassend und komplett unseriös.”
Bisschen falsch formuliert aber die Grundthese behalte ich bei ;)
Ich denke mal die Linken haben Jochimsen zurückgezogen, da es ja durchaus Leute gab, die Gauck wählen wollten. Jochimsen hätte dann net alle Stimmen aus der Linken-Fraktion bekommen und deswegen haben sie sie dann zurückgezogen, damit jeder ohne schlechtes Gewissen bzw. ohne Druck frei wählen kann. Das wäre meine Interpretation.
Es haben sich ja (höchstwahrscheinlich) fast alle geschlossen enthalten ;) dann hätten sie auch fast alle Jochimsen wählen können.
Wär auf jedenfall schon einmal eine einigermaßen schlüssige Erklärung.
Hier noch ein _äußerst_ interessanter Telepolis-Artikel.
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/32/32871/1.html
Leider hat dies in den etablierten Medien absolut gar keinen Anklang gefunden. (hat man ja schon vor der Wahl gewusst, hab das sogar glaub ich hier schonmal gepostet)
Das stell _ich_ mir natürlich unweigerlich die Frage: Warum ?
Und NEIN, ich bin nicht der Meinung das die komplette Medienlandschaft von der Politik bzw. der regierenden Parteien kontrolliert werden. Außnahmen bestätigen die Regel ;)
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