Na, da musste Mama Merkel aber ordentlich schimpfen, dass es zumindest beim dritten Wahldurchgang für eine absolute Mehrheit reicht – nicht das Wulff sie dann noch gebraucht hätte. Das ist fast so wie eine Nachprüfung in der Schule, alles was man machen kann ist die Note gerade noch auf eine Vier hoch zu drücken.  Man hat es zwar geschafft, aber dennoch ist da ein deutliches Versagen in der Vergangenheit, dass einem für’s nächste Jahr anhaftet.

Ich habe das Ganze halb mit einem Auge und halb im Gespräch mit Lars verfolgt und muss sagen, dass er (vermutlich) recht ähnliche Gedanken zu der Ganzen Sache hatte.

Dennoch es bleibt ein weiterer Schlag ins Gesicht der Schwarz-Gelben Koalition: Zwei Mal haben sie eine absolute Mehrheit nicht bekommen, die sie leicht hätten erreichen können. Die Einigkeit, die in der deutschen Politik angeblich so viel Wert ist, scheint es jedenfalls nur im geringen Maße bei der Regierungskoalition zu geben. Allerdings ist gerade das ein Punkt gewesen, der bei dieser Wahl angekreidet wurde. Eben bei dieser Wahl sind deren Mitglieder ausdrücklich nicht an die Weisungen und Aufträge der Partien gebunden, dennoch hat Mama Angie versucht ihre Leute darauf einzuschwören.
Das hinterlässt natürlich einen unangenehmen Nachgeschmack, wenn man sich fragt ob Wulff im Interesse aller Deutschen gewählt wurde. Natürlich lief das die Jahre vorher auch nicht anders, aber in diesem Fall hatten wir zum ersten mal so etwas wie eine ‘Alternative’.

Es bleibt eine Kanzlerin, die bei etwas mehr oder minder scheitert, was eigentlich nicht schön ist aber eigentlich kein Problem hätte darstellen müssen. Dazu kommt ein Westerwelle, welcher sich kurz vor dem dritten Wahldurchgang (wieder mal) in Schlaubi-Schlumpf Manier vor die Mikrofone begibt und großspurig behauptet: “Wir waren’s jedenfalls nicht!”  – Nicht, dass er dieses überhaupt wissen kann, denn die Wahl ist geheim und nach dem Gehampel der NRW-FDP dürfte es nicht mehr viele Menschen geben, die der aktuellen FDP irgendeine Form von Stetigkeit und/oder Einigkeit zutrauen.

Andere Stimmen:
Die Berichterstattung auf Phoenix, welche ich verfolgte, war relativ angenehm und auch über Zattoo zu verfolgen, zumindest wenn man nicht oft genug hinhörte, um die wiederholenden Zusammenfassungen mehrmals mit zu bekommen. Das was die Medien- und Politikexperten von sich gaben war weitestgehend das, was wir schon an Meinung kennen. Gaucks Popularität im Internet wurde ein bis zwei Mal hervorgehoben und man wunderte sich warum trotz dieses Zuspruches so wenige Leute für ihn auf der Straße waren.

Diese Verwunderung und die Tatsache, dass immer noch fast ausschließlich Facebook und Twitter als die Spiegel für die “Internetmeinung” hergenommen werden, zeigt dass die Medienleute immer noch nicht vollständig das Internet verstanden haben, oder einfach faul sind: Es ist dem Bürger nicht egal ist wer gewählt wird, nur weil er nicht gleich durch die Republik nach Berlin fährt, um mit einem Gauck-Sticker um den Reichstag zu kreisen. Die Interviews mit den Politkern waren allerdings aufschlussreicher.

Am meisten sind mir hierbei Andreas Pinkwart und ein Parteimitglied der Linken, dessen Namen ich mir nicht gemerkt habe, im Gedächtnis geblieben – zumindest was das Abgeben des größten Dünnpfiffs angeht.

Der Linke hat die Aufstellung ihrer Kandidatin vielleicht mit den richtigen Worten, aber mit genau den falschen Zwischenzeilen herüber gebracht. Hätte die Linke in Punkto Gauck in den letzten Wochen einfach die Fresse gehalten und ihn mit den Worten: “Respektablen Kandidaten, aber wir wollen jemand eigenen aufstellen.” kommentiert, wäre das alles für die Linke kein Problem gewesen.
Doch wenn man die Presse und die Statements der Fraktion bedenkt, die vor der Wahl gefallen sind, hat die Linke sich auch selbst mit in diese Ecke manövrieren lassen: “Wählt Gauck und zeigt, dass ihr nicht mehr die SED seid, wählt Gauck nicht und ihr seit die bösen Sozialisten.” Ist vielleicht den Linken nicht 100%tig fair gegenüber, aber in diesem Fall sind sie ordentlich mit selbst schuld. Da hat es auch nicht mehr geholfen, dass Gregor Gysi klipp und klar vor der Presse sagte, dass er zwar glaube, dass die meisten Linken sich im dritten Druchgang enthalten würden, aber die Wahl den Fraktionsmitgliedern natürlich freigestellt sei.

Pinkwart hingegen – und ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich das nicht doch falsch verstanden habe, weil die Logik dieser Aussage so hirnverbrannt war – meinte, nachdem die Kandidatin der Linken sich nach dem zweiten Wahldurchgang zurückzog, etwas wie: “Wenn die Linke jetzt (zum dritten Wahldurchgang) den Kandidaten der SPD wählt beweist das, dass die Rot-Grüne Koalition die Linke in politische Einscheidungsabläufe einbezieht.”
…als dieser Satz so in meinem Hirn ankam, beging eine der Hirnwindungen, welche bei mir für Aussagenlogik verantwortlich sind, Harakiri. Sollte dieser Satz stellvertretend für das Politik- und Demokratieverständnis von Andreas Pinkwart sein, erklärt das erschreckend viel.

Aber um zum Titel zurück zukommen, niemand will Wulff (zumindest erscheint es so in der Presse), die Sockenpuppe Merkels. Sicherlich war die Nominierung Gaucks auch ein oppositioneller Schachzug und vermutlich hätte bei einer Rot-Grünen Mehrheit jemand anderes den Kandidaten gegeben. Doch das ändert nichts an der Tatsache, dass selbst noch auf seiner abschließenden Rede Gauck, Wulff noch rhetorisch in den Schatten gestellt und in die Tasche gesteckt hat… auch wenn er so unglaublich enttäuscht nach der Bekanntgabe des letzten Ergebnisses wirkte, dass es mit fast das Herz zerrissen hat.

Wulff fühlt sich nicht an wie ein Vertreter für alle Deutschen, sondern eher wie ein Vertreter der christlich-konservativen. Gauck hatte dieses ‘Er steht für mehr als nur eine Partei’-Gefühl schon von Anfang mit im Paket und das bereits bevor Spiegel und der Rest der Presse ihn zum Überparteilichen-Superkandidaten gemacht haben. Über Wulff hingegen findet man selbst nach der Wahl kaum einen Artikel, der nicht mindestens seine Wahl mit der schweren Zeit für Merkel in Verbindung bringt.

Um so beunruhigender wirkt ein Bericht auf Heise/Telepolis der Dinge über Gauck Wulff (my bad, danke Kai, benutzt das nächste mal aber bitte  eine echte Email) ans Tageslicht fördert, die mir als bekennenden (aber nicht missionierenden) Agnostiker ernsthaft an die Nieren gehen. Unter anderem wird hier von einer Verbindung zu dem evangelikalen “Arbeitskreis Christlicher Publizisten” gesprochen und ich würde deutlich untertreiben, wenn ich sagte, dass dieser Verein “erzkonservative Ansichten” verfolgt.

Zum Heise-Bericht (vielen Dank an Bloodshade für diesen Link)

Kommentar beim Spiegel über die Schönfärberei von Schwarz-Gelb

Weitere Meinungen und Links:

Rotlackierte Opportunisten – Spreeblick

Stolpersteinwahl im Sommerloch – Spiegelfechter

Der Einfluss des Netzes auf die Bundespräsidentenwahl – Netzpolitik

Am Volk vorbei – … Kaffee bei mir?

Denkzettelbundesprasidentenwahl – Lummaland

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