Ich mecker’ ja immer wieder an Dingen herum, die sich oft erst bei zweiten Nachdenken dem Leser wirklich erschließen. Und genau so wird es vermutlich bei diesem Haiti-Post sein, der mit Sicherheit Gefahr läuft missverstanden zu werden….

Natürlich ist die Katastrophe in Haiti schrecklich und sicherlich kann man sich bestimmt irgendwo etwas darauf einbilden, dass sich die ganze Welt solidarisiert, um den armen Haitianern nach diesem Erdbeben die Hand zu reichen… doch eben wegen der Art dieser Solidarisierung stoßen mir die Medien, als auch die Menschen selber ein wenig auf. Mittlerweile ist die Naturkatastrophe 14 Tage her und die Medienberichte über das Land finden sich allenfalls noch versteckt auf der dritten Seite, unter “Ferner liefen”, oder zwischen süßen Kätzchen und den neusten C-Promi-Eskapaden.

In Retrospektive frage ich mich, was uns eigentlich mehr bewegt hat: Die Bilder des zerstörten Landes mit ca. 9-10 Millionen Einwohnern, oder die Tatsache wie ‘ach-so-solidarisch’ wir alle in der nördlichen Hemisphäre waren. Natürlich ist es richtig und gut gewesen, dass so viel gespendet und so viel Mitleid vergossen wurde, dass will ich nicht bestreiten – aber bedarf wirklich immer einer Naturkatastrophe, um sich so mit den Armen dieser Welt zu solidarisieren? Sicherlich, es ist ein grundlegend menschliches Verhalten, dass man sich solange gegenseitig mit dem Hintern nicht anschaut, bis dem anderen etwas Schreckliches passiert… aber genau das stört mich eben.

Haiti ist das ist und war schon lange ärmste Land oberhalb des Äquators, dafür brauchte es kein Erdbeben. Bereits vor der Katastrophe war die Hälfte die Bevölkerung Unterernährt, ~20% chronisch unter ernährt. Ebenso kann die Hälfte der Haitianer weder lesen noch schreiben und ca. 80 % der Haitianer müssen von weniger als 2 US-Dollar am Tag leben. Wenn man sich viele Bilder der Elendsviertel VOR dem Beben ansieht, würde man vermutlich nach der jüngsten Newscoverage glauben wollen, sie seien nach dem Beben entstanden.

Tatsache ist, wäre der Mann den sie neulich nach 12 Tagen aus den Trümmern gezogen haben vor drei Wochen an Unterernährung verreckt hätte es niemanden interessiert. Nach knappen zwei Wochen braucht es schon einen dreifachen Lazarus, wenn man Haiti noch mal in die Nachrichten bringen möchte. Generell scheint es so, als bräuchte es immer einen netten Special-Effect, damit sich die internationale Presse überhaupt mal intensiv mit dem Thema Armut oder mit einem Land beschäftigt, in dem die Bevölkerung leidet – wenn sie es tun, dann aber richtig:

57 Millionen aus Hollywood, 30 Millionen durch Galas aus Deutschland, weitere Millönchen hier, weitere Millönchen dort – die Motivationsarbeit der Nachrichtenorganisation bezüglich des internationalen Spendenverhaltens sind einmalig. Dabei ist das Geld, welches oft einfach aus der Portokasse weggeben wird, für ein Unternehmen zudem noch eine steuerlich absetzbarer Werbung von der günstigen Art. Teilweise hatte ich übrigens sogar das Gefühl, dass “An Haiti Spenden”, für Organisationen, welche ein öffentliches Gesicht wahren müssen, fast schon zum Zugzwang geworden ist. Selbst Kirchenmitglieder und Lokalvereine scheinen sich zu Hochzeiten medienwirksam vor dem Foto- und Video-Kameras mit großen Papp-Schecks zu stapeln.

Doch auch der kleine Mann spendete seine paar Euro um das Gewissen zu beruhigen, welches ihn von den ganzen Bildern auf die Schultern gelegt wurde, so dass der Inselstaat in den kommenden Tagen beruhigt wieder in Vergessenheit geraten darf und man irgendwann beim Einjährigen Jubiläum der Katastrophe oder dem Jahresrückblick 2010 sagen kann: “Oh ja, da habe ich auch 20 Euro gespendet!” Mich selbst würde es übrigens nicht wundern, wenn durch diese kurze, zweiwöchige Aufmerksamkeit mehr als 20% des eigentlichen haitianischen Bruttoinlandproduktes an Spenden zusammenkommen.

…und Immer noch verhungern auf der Welt 30.000 Menschen am Tag, doch nächste Woche wird es keinen Fernsehzuschauer interessieren… bis der nächste Tsunami, das nächste Erdbeben, der nächste Vulkanausbruch oder Komenteneinschlag, dass nächste Dritte-Welt-Land dem Erdboden gleich macht und wir uns alle wieder unglaublich solidarische fühlen dürfen. Hauptsache die Bilder sind Spektakulär genug, dass täglich in Zahlen eine Kleinstadt verhungert interessiert doch keinen…

ZachDenktNach: Haiti, Balsam für das Gewissen, 4.7 out of 5 based on 9 ratings