20 Nov
Ich bin in gewissen Dingen ein schrecklicher Pessimist, von daher habt Ihr mich sehr positiv überrascht, dass viele noch wussten, dass der letzte (verhinderte) Amoklauf in Ansbach war und nicht der von Tim K. in Winnenden. Das kleine Experiment machte aber dennoch die Sache deutlich, die ich mir davon erhofft hatte: Amokläufe sind normal geworden.
Anything goes
So traurig es ist, ein Amoklauf gehört nun fast schon zum medialen Alltag, gleich einem Event das man feiert, etwas mit dem Medien und Polizei nun umzugehen wissen. Es ist fast schon wie diese nervende Anhäufung von Weihnachtsthematik um den 24.12 herum, bloß spontan und ohne ein festes Datum.
Ja, die Medien haben es geschafft, Gratulation! *applaudiert* Was vor einigen Jahren noch Massenunfälle auf der Autobahn, Busunglücke und Ähnliches waren, sind nun ein Schüler die bewaffnet in ihre Schule rennen, in der Intention ihre Minderwertigkeitskomplexe und Zukunftsängste durch einen Massenmord zu bewältigen. Amokläufe sind der normale Horror im Tagesgeschehen geworden, welche in den heutigen “Nachrichtenmagazinen” noch vor den wenigen, wirklichen Nachrichten gezeigt werden und den “Berichten” über irgendetwas, dass entweder süß, belanglos oder beides ist.
Robert Steinhäuser. Den Namen kennt man, den Namen verbindet man mit Erfurt, dem ersten Amoklauf in Deutschland. Was mich angeht, erinnere ich mich sogar noch an den heldenhaften Lehrer, welcher bis zum geht-nicht-mehr interviewt wurde. Steinhäuser war der erste, deutsche “School Shooter” und hat sich damit auf einen traurigen Thron in der Erinnerung der heutigen Generationen gesetzt. Jeder weitere Amoklauf, der auf Erfurt folgte, wurde in der Erinnerung der Menschen postwendend vom darauf Folgenden abgelöst – sofern dieser nur eine ähnliche Anzahl von Opfern oder eine ähnliche Tragik vorzeigen konnte.
Falling auf
Unangenehmer Weise schleicht sich bei diesen Gedankengängen die Überzeugung in meinen Geist ein, dass wenn man als Amokläufer von der Gesellschaft nicht schnell vergessen werden will, man eine entsprechende “Performance” hinlegen muss. Willst man einen netten Platz im ungedruckten Medienbuch der Rekorde, dann bringt man besser mehr Leute als der Vorgänger um. Traurig, aber ist nun mal so.
So ich darüber nachdenke, ist das eine geradezu erschreckend logische Sache. Zwar mag der Fast-Beinahe-Amoklauf von Ansbach nicht mal in die Kategorie ”Amoklauf” fallen, da es Gott sei dank keine Toten gab… aber ist es nicht die Intention die zählt? Die Tatsache dass dieser junge Mensch bewusst töten wollte, um post-mortem Aufmerksamkeit zu ernten? Die schiere Tatsache, dass für die Medien nur noch der Bodycount und nicht die Intention dahinter zählt, lässt mich schaudern und setzt für kommende Amokläufer eben dieses makabere Zeichen: Willst du in die Medien – mach es gut und besonders blutig.
So einfach ist es nicht, wie man es sich macht
Natürlich ist ein junger Mensch welcher Amok läuft nicht so einfach gestrickt, dass man es nur auf die (unfreiwillige) Glorifizierung seiner Vorgänger durch die Medien zurückführen könnte. Doch wenn wir als Computerspieler schon zugeben, dass Amok-gefährdete Individuen sich unter Umständen mit gewalttätigen Games auseinandersetzen, um sich dadurch selbst anstacheln… dann dürfen wir uns zugleich sicher sein, dass die Medienhype über einen vorhergegangenen Amoklauf um Lichtjahre wirksamer ist, den gleichen Menschen zu solchen Schritten anzustacheln. Und je höher die Opferzahl, je tragischer der Vorfall, desto höher ist auch die Hype.
Let the bodies hit the fl…
Dabei ist doch gerade Ansbach eben der Fall, bei dem man doch zumindest versuchen könnte die wirklichen Motive eines Täters (der in diesem Fall ja überlebt hat) zu beleuchten, zu verstehen was ihn und seine Vorgänger wirklich dazu getrieben hat. Doch wen interessiert jetzt noch der Amokläufer von Ansbach? Der ist ja noch nicht mal richtig Amok gelaufen, der lebt ja sogar noch! Wen interessieren denn Medienberichte, die über die Hintergründe aufklären könnten? Wen interessieren schon Medienberichte, die tatsächlich das Potential hätten, jungen Menschen mit Ängsten und psychischen Schwierigkeiten Verständnis entgegenzubringen und so zukünftige Amokläufer von solchen wahnsinnigen Entscheidungen abzuhalten.
Meiner Meinung nach reagieren die großen Medien mittlerweile nur noch auf Ereignisse, die man auf die einfache Art ausschlachten kann. Ereignisse die keine wirkliche Recherche brauchen, da sie so tragisch sind, das sie ohne wirkliche Hintergründe auskommen. Hauptsache es sterben viele Leute dabei oder jemand sehr Berühmtes schmeißt sich vor einen Zug – je tragischer ein Vorfall, desto flacher können die Fakten und Folgeberichte sein. Dann spekuliert man die nächste Woche noch über eventuelle Gründe, zieht einige kamera-geile Experten aus ihrem Kämmerchen und triggert hier und da noch nebenbei etwas Plazebopolitik, damit das Volk auch glaubt, es würde etwas dagegen gatan werden.
Psychology, you are doing it wrong!
Weder ein Verbieten von gewaltätigen Computerspielen wird Amokläufe verhindern können, noch ein allgemeines und überzogenes Betroffensein, die Sensiblität gegenüber Depressionen erhöhen. Das Gegenteil ist meiner Meinung nach der Fall, wenn die Vorgehensweise der Medien bei solchen Themen bestehen bleibt.
Ich halte es (aus meinem Standpunkt heraus) für viel wahrscheinlicher, dass ein Amokläufer sich nun vor seiner Tat, extra die Festplatte mit den brutalsten Spielen nur denkbar bespielt. Denn ein Amokläufer will das seine Tat bemerkt wird, ein Amokläufer will Schaden und kennt kaum noch Grenzen, da er mit seinem Leben längst abgeschlossen hat. Und so kann er gleich 20% aller Deutschen in den Hintern treten und als der Amokläufer in die Geschichte eingehen der Ego-Shooter in Deutschland verboten hat. Kein Fernsehsender wird sich je danach erkundigen, ob diese Games alle erst seit einer Woche installiert sind, wenn wieder mal die Killerspielnummer ausschlachtet wird.
Ich will eine weitere mutige Vermutung äußern: Spontane (!) Nachahmungstaten werden weniger werden, dafür werden wir mehr geplante Amokläufe sehen. Das Ganze Getue Nachahmungstaten einzuschränken, wird in die Hose gehen. Der Grund wieso ich zu dieser Vermutung komme ist einfach und habe ich oben schon angedeutet.
Ein potentieller Nachahmungstäter ist auf die Hype aus, er will auf der Welle der (ungewollten) Gloriizierung des Ersttäters mitschwimmen. Doch um als Amokläufer in einer Gesellschaft medial präsent zu bleiben, in der ein Amoklauf ‘normal’ geworden ist, muss man den bisher schlimmsten Amoklauf überbieten, oder zumindest in dessen Nähe kommen – dafür reicht es aber nicht blind in eine Schule zu rennen. Mehr noch, bei allen Berichten die die Polizei nun herausgibt, wird ein künftiger Täter der seinen Amoklauf plant genau wissen auf was er sich einstellen muss.
Dennoch, wie gesagt – ich habe kaum Ahnung von Psychologie, ich kann nicht sagen was in einem Amokläufer vorgeht. Aber die Tatsache der medialen Glorifizierung bleibt. Wie viele von Euch haben bis jetzt an ResistantX (AKA Bastian B.) gedacht, aus dem Jahre 2006? Auch er ist in Vergessenheit geraten. Was bleibt sind Steinhäuser (als Erster) und Tim K. (als letzter blutiger Amokläufer).
So grausam das Klingt, unsere Medien und unsere mediale Aufmerksamkeit sind so verdrahtet, dass uns beim Thema Amoklauf der nur erste und der letzte, große in die Erinnerung kommt – und genau das wird auch Auswirkungen auf die zukünftigen Amokläufe haben.
Amok, Selbstmord für Selbstdarsteller
Ein Amoklauf ist nicht mehr oder minder als ein inszinierter Selbstmord, das haben alle Amokläufe bewiesen. Kein Täter, der auch noch so präzise sein Vorgehen geplant hat, hat sich meines Wissen je Gedanken über seine Flucht gemacht – allenfalls sind sie in Panik geraten nach ihrer Tat. Und genau so wie die übermässige Berichterstattung eines Amoklaufes weitere, geplante Amokläufe auslösen kann – gerade weil einem labilen Menschen wieder und wieder das Thema in den Kopf gehämmert wird und länger zurückbleibt als bei uns normalen Menschen – so hat die Ganze Berichterstattung um Robert Enke mit Sicherheit bereits einige Leute zum Suizid veranlasst.
Das ganze Trauern, das ganze oberflächliche Reden über schlimme Folgen von Depression, das spätestens nächste Woche verklungen ist, ist ein wunderbares Mittel die schon vorhandenen Depressionen von Selbstmord-Gefährdeten Menschen zu verstärken. “Oh schau mal, sein Selbstmord hat einen Unterschied gemacht.” oder “Jetzt reden sie darüber, aber verstehen oder interessieren wird es nächste Woche ohnehin keinen mehr.” sind meiner Meinung die Gedanken die einem potentiellen Selbstmörder in den Geist kommen können.
Feedback und Diskussionen mehr als nur erwünscht.
Schlagworte: Amoklauf, Killerspieldebatte, Medien
6 Kommentare for "ZachDenktNach – A Clockwork Steinhäuser"
Zach du hast einfach Recht!
Vorallem der letzte Absatz passt einfach sowas von.
Man könnte aber noch hinzufügen das sich auch die Mitmenschen anderer Suizidanten deswegen erneut extrem scheiße fühlen…
“Jetzt reden sie darüber, aber verstehen oder interessieren wird es nächste Woche ohnehin keinen mehr.” <– lustigerweise hat sich genau das in meinem Kopf abgespult
Tja das ist eben das Problem … und wenn ich nicht in Nürnberg wohnen würde was ja nur wenig entfernt von Ansbach ist hätte ich den letzten Amoklauf warscheinlich nicht gewusst
Irgendwo bestätigst du das, was ich mir schon immer gedacht habe. “Wenn ich mal Amok laufe muss es gut geplant sein und viele Tote mit sich ziehen” – jetzt mal ganz davon abgesehen, dass ich keineswegs vorhabe Amok zu laufen. Sicher nicht.
Das Medium “Fernsehen” ist nun einmal das schlechteste was wir inzwischen zu bieten haben und reiht sich dabei brav neben dem Radio ein, wobei dieses sogar weniger schlimm ist. Ich weiß schon, weshalb ich kein Fern mehr schaue.
Was mich in dem Punkt des “gewöhnlich” Werdens bestärkt ist, dass ich immer mal den Gedanken hatte, wie ich aus meiner Klasse rauskommen könnte wenn “Es” passiert. Sieht mit einem Fenster schlechte aus.
Btw: Der Artikel ist wirklich schön geschrieben Zach. Gratulation. Werde mich mal direkt daran machen, diesen zu verbreiten.
Tja, was soll man dazu noch sagen: Du hast es auf den Punkt gebracht.
Nur die “Initialzündungen” und “Highlights” bleiben in den Köpfen der Leute wirklich hängen – wobei ich mal behaupte, daß die Medien auf dieses Erinnerungspotential keinen Einfluß haben (oder zumindest nur sehr begrenzten).
Das Problem ist die selektive Wahrnehmung, die dem Menschen an sich als eine unverrückbare Konstante in seinem Wesen zu eigen ist. Jeder kennt das. Schlechte Erfahrungen, um nicht zu sagen “Negativrekorde”, brennen sich auf ewig ins Bewußtsein, wohingegen positive Highlights in den Hintergrund treten, was vermutlich daran liegt, daß der Mensch sie in seiner (individuell mehr oder minder ausgeprägten) Selbstherrlichkeit als selbstverständlich hinnimmt – “Ich will das beste, denn das steht mir verdammt nochmal zu! Und wenn ich es kriege, ist es nichts außergewöhnliches, sondern das, was sein muß.”
Es gibt ja diese Studien über “Mundpropaganda”. Wenn man z.B. in ein Restaurant geht und es toll findet, dann erzählt man es im Schnitt nur drei Leuten. Wenn man es schlecht findet, dann erzählt man es im Schnitt sieben Leuten. Es gilt also grundsätzlich: negativ > positiv… so traurig das auch ist.
Eine weitere Sache ist ein Phänomen, daß (zynischerweise, wenn man es in diesem Kontext bemüht) in der Unterhaltungsindustrie genutzt wird und dem Menschen auch zu eigen ist. Entscheidend sind Anfang und Ende. Was dazwischen liegt ist schnell vergessen. Es gibt bei Liveshows jeglicher Art ein ehernes Gesetz: Die Anfangsnummer und die Abschlußnummer müssen der Oberhammer sein. Alles, was dazwischen kommt, darf ruhig schwächeln, denn in den Köpfen der Betrachter bleiben Anfang und Ende am tiefsten verwurzelt.
Das kann vermutlich jeder an sich selbst beobachten. Nehmen wir mal ein Konzert. Jeder, der schonmal da war, wird sich an Opener und Rausschmeißer erinnern, aber wenn es darum geht das zu benennen, was dazwischen war, dann wird es schon schwer.
Aus diesen beiden Gründen bleiben Leute wie Robert S. als Initiator und momentan Tim K. als “Leistungsträger” in den Köpfen – Robert, weil er der Opener war und Tim, weil er ein trauriges Highlight gesetzt hat.
Daß die Medien sich natürlich darauf stürzen, wie der Geier auf den frischen Kadaver, ist klar. Nicht nur “sex sells”, sondern noch viel mehr “tragedy and horrors sell”.
Das “einzige Problem”, was die Medien dabei bereiten, ist, daß sie das, was, wie oben genannt, dem Menschen eigen ist, auch wirklich allen Menschen zugänglich machen und somit die Sache in ungeahnte, an Traurigkeit und/oder Fremdschämpotential nicht mehr zu überbietende Dimensionen treiben. Die Medien sorgen also nicht dafür, daß der Mensch es überhaupt erst schlecht findet, sondern “nur” dafür, daß möglichst viele Menschen es schlecht finden und betroffen sein können. Und daurch kommt dann das ins Spiel, was du auch angeführt hast: Die (posthume) Befriedigung des gigantischen Geltungsbedürfnisses der Täter, was die Spirale weiter beschleunigt.
Ich muss sagen, dass ich Bastian B. aus Emsdetten eher im Kopf hatte als Steinhäuser, denn Bastian B. hat einen, wie ich finde, sehr eindrucksvollen Abschiedsbrief geschrieben, der auch öffentlich einsehbar ist. Leider hat der kaum mediale Aufmerksamkeit bekommen und wenn, dann wurde nur ohne Kontext zitiert, auf unterstem Niveau.
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